Seminare und Schulungen für Leckortung
Ingenieurbüro für Feuchte- und Schimmelschäden IFS
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Vermeidung und Risikominimierung von Schimmelschäden durch Normen und Richtlinien?


Seit Jahrzehnten entstehen Schimmelschäden in unseren eigenen 4 Wänden. Also genau dort, wo wir uns die meiste Zeit unseres Lebens aufhalten.
 
Schimmelbildung kann zur Beeinträchtigung der Gesundheit führen und ist aus hygienischer Sicht aufgrund der möglichen toxischen Wirkungen und Allergenen zu vermeiden.

Inzwischen vemutet man, dass die Anzahl der "nicht sichtbaren Schäden" bei weitem über denjenigen liegt, die wir mit dem bloßem Auge erkennen können. Laut aktuellen Studien seien derzeit mehrere Millionen Wohnungen in Deutschland betroffen.

Die bisherigen, seit über 50 Jahren existierenden Bauvorschriften, Richtlinien und Normen haben nachweislich Schimmelschäden nicht verhindern können.

Der Frage, ob die aktuellen Vorschriften bzgl. des Mindestwärmeschutzes zur Vermeidung oder Risikominimierung einer Schimmelbildung einen ausreichenden Vorsorge-Schutz bieten, möchte ich einmal nachgehen.


Bekannt ist, das Feuchtigkeit die wesentliche Ursache für ein Schimmelwachstum darstellt. Die Feuchteschäden entstehen einzeln oder überlagernd meistens durch
  • bauliche und/oder bauyphysikalische Mängel
  • Wasserschäden, Rohrbrüche etc. oder
  • den Raumnutzer

Die Ursache eines Wasscherschadens (Leckage) oder Baumangels läßt sich mit entsprechendem Aufwand orten, analysieren und feststellen. Ist jedoch der Nutzer mit beteiligt, sieht die Sache schon etwas schwieriger aus.

Nachfolgend sehen Sie eine Schimmelbildung, verursacht durch einen Wasserschaden in der darüber gelegenen Wohnung.
 




Jetzt ein Schimmelschaden an einer Außenwand mit Blick unter eine Küchenzeile, diesmal verursacht durch einen  Baumangel .
 














In beiden Fällen wurde vor meiner Ortsbegehung und Diagnose dem Mieter zu Unrecht ein unsachgemäßes Verhalten vorgeworfen. Angeblich hätte dieser "falsch" gelüftet und er sei "schuld"!

Genau dieser Vorwurf des falschen "Verhaltens"  wurde meiner Meinung nach in der Vergangenheit viel zu oft und allzu voreilig ausgesprochen. Die Konsequenz hieraus sind zum Beispiel die vielen Streitigkeiten, Mietminderungen, gerichtliche Auseinandersetzungen, unötige und völlig überflüssige Gerichtsverfahren sowie letztendlich vermeidbare Kosten.


Es ist somit auch kein Wunder, dass aufgrund zahlreicher Gutachten die Rechtsprechung teilweise so verworren, widersprüchlich und nicht nachvollziehbar ist.

Eine alleinige Befragung zum Nutzerverhalten macht zum Beispiel aufgrund der zahlreichen Unwägbarkeiten überhaupt keinen Sinn und bietet keine ausreichende Grundlage für eine Beurteilung und Bewertung im Hinblick auf die Ursache "Nutzerverhalten" (meist mangelhaftes Heizen und Lüften)!

Grundsätzlich müssen im Rahmen einer Ursachenanalyse bei Verdacht von "unsachgemäßen Verhalten" contra "Wärmebrücke" entsprechende DIN-konforme Wärmebrückenberechnungen oder zumindest Messungen im Objekt durchgeführt werden. Hierzu bieten sich zum Beispiel Langzeitmessungen mittels Datenlogger oder in Einzelfällen auch der Einsatz von "hochauflösenden" Wärmebildkameras an.

Denn erst mit Kenntnis der tatsächlichen wärmetechnischen Qualität der vorhandenen Bausubstanz lassen sich Beurteilungen und Bewertungen im Hinblick auf die Frage bzgl. der Ursache einer Schimmelbildung bzw. Verantwortung abgeben.

 

WaermebrueckenberechnungLangzeitmessung OberflaechentemperaturThermogramm einer Raumecke


Der Gesetzgeber hat zuletzt 2001/2003 die längst überfällig und in die Jahre gekommenen Anforderungen an den Mindestwärmeschutz der DIN 4108 (1981) novelliert.

Des Weiteren wurde zur "Risikominimierung einer Schimmelbildung" erstmalig ein konkreter Grenzwert (Temperaturfaktor >0,7) für Wärmebrücken
definiert. Betrachtet man sich diesen genauer, stellt man fest, dass gegenüber der Ausgabe von 1981 keine nennenswerte Veränderung stattgefunden hat. Folgende Übersicht verdeutlicht den Zusammenhang:


Die Anforderungen und Grenzwerte werden seit 2001 genau wie in den 20 Jahren zuvor eng an das Nutzerverhalten gekoppelt, indem man Bedingungen bzw. Voraussetzungen formuliert, die vom Nutzer zu erfüllen sind. Diese lauten:
 
Es wird eine wohnungsübliche bzw. wohnungsähnliche Nutzung, insbesondere hinsichtlich der Innentemperatur und der Feuchetlasten vorausgesetzt.

Zudem...
 
...eine gleichmäßige Beheizung
 
...eine ausreichende Belüftung
 
...eine weitgehend ungehinderte Luftzirkulation an Bauteiloberflächen
 

Die 4 genannten Bedingungen liefern somit seit Jahrzehnten die Grundlage für die Erstellung von privatgutachterlichen Stellungnahmen oder Gutachten im Rahmen eines Beweissicherungsverfahrens in einem Streitfall.

An Planer, Vermieter bzw. Gebäudeeigentümer werden seit 2010
"Empfehlungen" ausgesprochen. So kann man dem DIN-Fachbericht 4108-8 "Vermeidung von Schimmelwachstum in Wohngebäuden" entnehmen,


...das die Nutzer über die „erforderlichen Lüftungs- und sonstigen maßgeblichen Verhaltensmaßnahmen durch den Gebäudeeigentümer aufzuklären sind..."

...das es "bei energetischen Sanierungsmaßnahmen empfehlenswert ist, dass der Planer oder Gebäudeeigentümer die Nutzer über Konsequenzen für das zur Schimmelwachstumsvermeidung erforderliche Heizungs-, Lüftungs- und sonstige Verhalten informiert...


Nachfolgend möchte ich Ihnen eine von mir erstellte Excel-Tabelle zeigen. Diese enthält die theoretisch maximal zulässigen Luftfeuchtewerte sowie die berechnete Oberflächenfeuchte (aw-Wert) bei unterschiedlichen Außenlufttemperaturen unter Berücksichtigung der vorgegebenen DIN-Randbedingungen. Zudem wird der inzwischen oft genannte Grenzwert für Schimmelwachstum (70%) aus dem Schimmelleitfaden des Umweltbundesamtes (UBA) mit berücksichtigt.
 


Aus der Tabelle kann man zum Beispiel entnehmen, dass bis +1 °C der Grenzwert zur "Schimmelfreiheit" des UBA eingehalten wird. Die relative Luftfeuchte im Zimmer sollte dann aber dauerhaft nicht höher wie 56% sein.

Wenn das UBA-Kriterium bis -5 °C eingehalten werden soll, ergibt sich, dass der Temperaturfaktor für die kälteste Stelle im Raum exakt gerechnet 0,775 betragen muss (siehe nachfolgende Tabelle).



Die von mir oben gestellte Frage, ob die zur Zeit gültigen gesetzlichen Vorgaben eine ausreichenden Vorsorge-Schutz bieten, möchte ich an dieser Stelle mit einem klaren "Nein" beantworten. Die maximal zulässigen Luftfeuchtewerte sind nur mit einem besonderen Heiz- und Lüftungs-Aufwand zu erreichen, auch wenn die absolute Luftfeuchte mit niedrigen Außenlufttemperaturen sinkt und die Oberflächenfeuchte an 5 aufeinander folgenden Tagen je Tag > 12 Stunden für ein Schimmelwachstum vorliegen muss.

Der Nutzer hat sicherlich einige Verhaltsregeln zu beachten und auch Pflichten zu erfüllen. Das "Lehrbuch der Bauphysik" sollte er meiner Meinung nach aber nicht beherrschen müssen, um Schimmelfrei wohnen zu können.

Die sehr hohe Anzahl der Schimmelschäden liegt meiner Meinung nach in der großen Anzahl an sanierungsbedürftigen Gebäuden (Sanierungsstau) und in der Art der Sanierungen, wie zum Beispiel "neue Fenster und (k)alte Wände".

In der Vergangenheit wurde deshalb häufig versucht, den Mieter zu einer - ich nenne es mal - "lebendigen Lüftungsanlage" - umzuerziehen, damit dieser den "notwendigen hygienischen Luftwechsel" aufgrund der wärmetechnisch gesehen schlechten Bausubstanz sowie den Einbau der neuen dichten Fenster oder sonstiger Baumängel kompensiert.

In einigen Ausnahmefällen, in denen sich der Nutzer tatsächlich aufgrund massiver mangelnder Einsicht oder sogar Beratungsresistenz verweigert, funktional zu Lüften und gleichmäßig zu Heizen, stößt man als Berater auch mal an seine Grenzen.

Persönlich konnte ich jedoch auch oft feststellen, dass durch eine vorausgegangene "vorwurfsvolle" Beratung beim Mieter ein Widerstand und eine Verweigerung ausgelöst wurde.

Neben generellen Informationsdefiziten führen aber auch
Verständnisprobleme aufgrund mangelnder Sprachkentnisse bei ausländischen Mitbürgern oft zur Schimmelbildung. Eine auffällig hohe Schadenquote in Wohngebieten, die als "sozialer Brennpunkt" bezeichnet werden, kann ich ebenfalls bestätigen.

Meine persönliche Erfahrung anhand der über 5000 Diagnosen ist die, dass der Temperaturfaktor von 0,70 meiner Meinung nach zu niedrig angesetzt ist.
letzte Änderung: 13.05.2018